In der Bachelor-Arbeit im 7. Semester bearbeiten die Studierenden anhand eines frei wählbaren Themas ein Gestaltungsprojekt, in dem sie ihre erlernten Kenntnisse in Recherche, Konzept und Entwurf praktisch anwenden.
Mission Superhirn - Eine Reise durch die Persönlichkeitsgalaxie
Im schulischen Alltag begegnen sich Kinder mit sehr unterschiedlichen Persönlichkeitsmerkmalen. Einige suchen aktiv den Austausch, treten energiegeladen auf und reagieren schnell auf äußere Reize. Andere beobachten zunächst, denken länger nach und benötigen bewusst Phasen der Ruhe. Beide Ausprägungen sind natürliche und gleichwertige Formen menschlicher Persönlichkeit. Dennoch werden insbesondere ruhigere Kinder im Schulkontext häufig als schüchtern, zurückhaltend oder wenig beteiligt wahrgenommen, während lebhaftere Kinder gelegentlich als zu laut oder impulsiv gelten.
Solche Zuschreibungen können bereits im Grundschulalter zu Vergleichen, Missverständnissen und Selbstzweifeln führen. Kinder beginnen, sich selbst an vermeintlichen Normen zu messen, anstatt ihre individuellen Stärken wahrzunehmen. Langfristig kann dies Auswirkungen auf das Selbstbild, die soziale Integration und das Lernverhalten haben.
Hierfür wurde ein interaktives, raumfüllendes Lernspiel entwickelt, das Bewegung, gemeinsames Entscheiden und narrative Elemente verbindet. Die sogenannte „Mission Superhirn“ fördert Selbstakzeptanz, Empathie, Teamfähigkeit und gegenseitige Rücksichtnahme durch Selbstreflexion. Die Inhalte werden über eine immersive Bodenprojektion spielerisch vermittelt und sollen nachhaltig im Gedächtnis bleiben.
Das Projekt richtet sich an Grundschulklassen der zweiten bis vierten Jahrgangsstufe und ist für den Sachkundeunterricht oder für Projekttage konzipiert. Dabei soll es von externen Bildungsträgern angeboten sowie begleitet werden. Ziel ist es, frühzeitig ein Bewusstsein für Persönlichkeitsvielfalt zu schaffen und Schubladendenken entgegenzuwirken. Kinder sollen verstehen, dass Menschen unterschiedlich viele soziale und äußere Reize benötigen oder verarbeiten und dass daraus unterschiedliche, aber gleichwertige Verhaltensweisen mit individuellen Stärken entstehen.
Intro
Im Zentrum stehen die Persönlichkeitsdimensionen des Spektrums Introversion und Extraversion, die didaktisch reduziert und kindgerecht vermittelt werden. Diese beschreiben keine festen Typen, sondern unterschiedliche Ausprägungen im Umgang mit Reizen und sozialer Interaktion. Aus biologischer Perspektive reagieren Gehirne unterschiedlich sensibel auf äußere Stimuli. Introvertierte Personen weisen dabei häufig eine höhere Reizempfindlichkeit auf. Ihr Nervensystem verarbeitet Eindrücke intensiver, wodurch sie schneller eine Reizsättigung erleben und regelmäßige Rückzugsphasen benötigen, um Energie zu regenerieren. Extravertierte Personen hingegen benötigen meist stärkere oder mehr äußere Reize, um sich aktiviert und wohlzufühlen. Soziale Interaktion und Aktivität wirken für sie häufig energiefördernd.
Diese Unterschiede sind nicht wertend zu verstehen, sondern Ausdruck individueller neurobiologischer Voraussetzungen, die zusätzlich durch Umweltfaktoren wie Erziehung und soziale Erfahrungen geprägt werden.
Um diese komplexen Zusammenhänge altersgerecht und vereinfacht zu vermitteln, werden die Persönlichkeitsdimensionen durch abstrakte, kindgerechte Gehirncharaktere dargestellt. Die Figuren verkörpern unterschiedliche Bedürfnisse, Energieformen und Stärken, ohne sie als „richtig“ oder „falsch“ zu bewerten.
Die visuelle Gestaltung der Charaktere verzichtet bewusst auf klassische menschliche Merkmale und arbeitet stattdessen mit Farbgebung und Kopfbedeckungen als identitätsstiftenden Elementen. „Intri“ erscheint in ruhiger, gedeckter Farbwelt und symbolisiert eine zurückhaltendere Reizverarbeitung, während „Extri“ durch eine auffällige, leuchtende Farbgebung eine stärkere Außenorientierung repräsentiert. Ergänzt wird die übergeordnete und leitende Erzählstruktur durch das „Ambihirn“, das eine Mischform beider Ausprägungen verkörpert und damit verdeutlicht, dass sich viele Menschen zwischen den Polen bewegen.
Die Mission: Aufbau und Dramaturgie
Als übergeordnetes Leitmotiv dient die Metapher einer Galaxie. Sie steht sinnbildlich für die Komplexität und Vielfalt des menschlichen Gehirns. Wie eine Galaxie aus unzähligen Sternen, Systemen und Ebenen besteht, setzt sich auch das Gehirn aus unterschiedlichen Prozessen, Eigenschaften und Potenzialen zusammen. Die Reise durch die „Persönlichkeitsgalaxie“ veranschaulicht somit die Erkundung der eigenen inneren Welt.
Dabei gliedert sie sich in mehrere aufeinander aufbauende Stationen und Spiellevel:
Das Hauptquartier
Im Hauptquartier werden die Kinder zunächst in die Geschichte und den Ablauf der Mission eingeführt. Hier beginnt die Ausbildung der Gehirncharaktere zu „Superhirnen“, welche in insgesamt drei kommenden Leveln stattfinden wird. Das Ziel besteht darin, unterschiedliche Energiequellen zu verstehen, individuelle Stärken zu entdecken und Vorurteile abzubauen. Ebenso fungiert das Hauptquartier als zentraler Rückzugsort der Gehirne, an dem sie nach jedem Level zurückkehren, um neue Energie aufzuladen. Währenddessen tauchen die Kinder in Selbstreflexionsphasen ein, mithilfe eines Begleithefts zum Spiel, das die Möglichkeit bietet gelerntes anzuwenden und zu vertiefen.
1. Der Pilzplanet der Ereignisse
Im ersten Level lernen die Kinder, dass Intri und Extri auf unterschiedliche Weise Energie gewinnen oder verlieren. Dazu springen sie auf blinkende Pilze, hinter denen kindgerecht nachvollziehbare Alltagssituationen verborgen sind, die sich langfristig unterschiedlich auf den Energiehaushalt der beiden Gehirne auswirken. Nach jedem Spielzug schrumpfen die bereits aufgedeckten Pilze, sodass sichtbar wird, welche Situationen bereits bearbeitet wurden und der Spielverlauf nachvollziehbar bleibt. Zum Video
2. Stärkenmoor Mond
Im zweiten Level wählen die Kinder auf Basis einer dargestellten Alltagssituation passende Stärken für Intri und Extri aus. Ziel ist es, jene Stärken zu identifizieren, mit denen beide Gehirne gemeinsam die jeweilige Herausforderung am besten bewältigen können. Dadurch erfahren die Kinder, dass leise sowie laute Persönlichkeiten über unterschiedliche Stärken verfügen können. Diese werden jedoch je nach Kontext auf verschiedene Weise eingesetzt, wodurch vermittelt werden soll, dass jede Stärke wertvoll und relevant ist. Somit wird die Selbstakzeptanz gefördert sowie gegenseitige Wertschätzung, Teamfähigkeit und Toleranz. Zum Video
3. Vulkanstern der Wahrheit
Im letzten Level begegnen Intri und Extri dem Gehirn „Wirri”, einem verwirrten Gehirn. Wirri hat nie gelernt, seine Kräfte bzw. Stärken bewusst einzusetzen und glaubt deshalb unreflektiert an Mythen und Vorurteile. Die Kinder erhalten die Aufgabe, Wirris Aussagen zu bewerten und zu entscheiden, ob diese wahr oder falsch sind. Dazu positionieren sie sich auf dem Vulkanboden auf der entsprechenden Seite. Bleibt der Boden stabil, haben sie sich richtig entschieden. Auf der falschen Seite entsteht hingegen ein Riss, wodurch die Kinder auf dieser Seite aus dem Spiel ausscheiden. Mit jeder richtig eingeordneten Aussage wird Wirri schrittweise aufgeklärt und lernt Mythen zu hinterfragen. Durch gemeinsames Entscheiden und Reflektieren helfen die Kinder dabei, Unsicherheiten abzubauen und Selbstvertrauen zu entwickeln. Zum Video
Alle Level folgen einer klaren Struktur:
Zu Beginn jedes Levels wird eine Erzählperspektive eingesetzt, die das Szenario einführt, Kontext schafft und auf die kommende Aufgabe vorbereitet. Anschließend erfolgt ein visueller Wechsel in den Spielmodus. Dieser Perspektivwechsel – häufig in eine Draufsicht – signalisiert den Übergang von der passiven Rezeption zur aktiven Beteiligung.
Erzählperspektive Pilzplanet der EreignisseErzählperspektive Stärkenmoor MondErzählperspektive Vulkanstern der Wahrheit
Gestalterisch wird im Spielmodus mit einem Papercut-Design gearbeitet, das durch Tiefenwirkung eine klare Trennung zwischen Hintergrund und interaktiven Elementen schafft. Ein Overlay informiert über den aktuellen Fortschritt und gibt visuelles sowie auditives Feedback. Jedes Level beginnt mit einem kurzen Tutorial zur Sicherstellung der Verständlichkeit.
Technisch basiert das Projekt auf einem klickbaren Prototypen, der in einzelne Sequenzen unterteilt ist und situativ gesteuert werden kann.
Das Portal und die gemeinschaftliche Reise
Um alle Kinder kontinuierlich einzubeziehen, verbindet ein symbolisches Portal die einzelnen Stationen. Es markiert den Übergang zwischen den Leveln sowie die Rückkehr ins Hauptquartier.
Die Nutzung des Portals erfolgt gemeinschaftlich: Die Kinder versammeln sich um die Projektion und bewegen sich als Gruppe weiter. Diese ritualisierte Handlung stärkt das Gemeinschaftsgefühl und verdeutlicht, dass die Reise nur im Team bewältigt werden kann. Zum Video
Zwischen den Spielphasen werden bewusste Pausen integriert. In der Geschichte laden sich die Gehirncharaktere in sogenannten Ladestationen auf – eine Metapher für reale Erholungsphasen. Parallel dazu bearbeiten die Kinder ein Begleitheft, das Reflexionsaufgaben, kreative Impulse sowie differenzierte Zusatzaufgaben enthält. Unterschiedliche Lernzugänge wie Schreiben, Malen oder Basteln unterstützen eine nachhaltige Vertiefung der Inhalte. Zum Video
Die Superhirn-Verwandlung
Nach erfolgreichem Abschluss aller Stationen erfolgt die symbolische Verwandlung zum „Superhirn“. Dieser Moment bildet den gemeinsamen Höhepunkt der Mission, indem die Kinder gemeinsam den Spruch „Jede Stärke steckt in mir, Superhirne werden wir“ aufsagen.
Durch eine ritualisierte Abschlusssequenz werden die Kinder aktiv in den finalen Schritt eingebunden. Die Verwandlung steht sinnbildlich für das neu gewonnene Bewusstsein über eigene Stärken, unterschiedliche Energieformen und gegenseitige Rücksichtnahme. Zum Video
Zur nachhaltigen Verankerung des Erlebten enthält das Begleitheft zusätzlich eine kreative Bastelaufgabe zur Gestaltung eigener „Superhirn“-Masken. Dadurch wird die Identifikation mit der Botschaft über das Spiel hinaus gestärkt und in den Alltag übertragen.
Abspann
Unterschiedlichkeit ist keine Schwäche, sondern eine Stärke.
Erst wenn individuelle Bedürfnisse verstanden und respektiert werden, kann gemeinsames Lernen gelingen. Die Mission zeigt, dass ruhige und lebhafte Kinder gemeinsam Herausforderungen bewältigen und voneinander profitieren können.