Projektthema
Der Kurs befasst sich mit der Gestaltung und Entwicklung einer interaktiven Anwendung,
die im Kontext von Ausstellungen, Museen oder Messen Wissensgebiete verständlich
erfahrbar macht.
Inhalt des Faches Ziel ist das Kennenlernen grundlegender Zusammenhänge im Bereich der Mensch-Computer-Interaktion und der Informationsgestaltung. Die Studenten befassen sich mit grundlegenden Interaktionsformen und medienspezifischen Gestaltungsproblemen, der Beziehung von Text, Bild und Animation sowie der protoypischem Umsetzung oder Simulation solcher Anwendungen.
Ein interaktives Kommunikationssystem zur Vermittlung urbaner Transformation
Von der Idee zum Konzept
Wie verändern städtebauliche Eingriffe unseren Lebensraum? Nach anfänglichen Recherchen zur allgemeinen Klassifizierung von Wohnformen fiel die Entscheidung für das finale Projektthema auf die Barcelona Superblocks (Superilles). Dieses weltweit diskutierte Stadtplanungskonzept, dessen Kern in der Sperrung und gezielten Umleitung des motorisierten Individualverkehrs liegt, bot die ideale Datengrundlage und inhaltliche Tiefe. Ziel des Projekts war es, die komplexen ökologischen, städtebaulichen und sozialen Auswirkungen dieser Transformation für die Öffentlichkeit intuitiv und greifbar aufzubereiten.
Forschungsarbeit & Informationsarchitektur
Um die gewaltige Informationsmenge verständlich zu strukturieren, wurde das Thema in vier aufeinander aufbauende Informationsebenen gegliedert, die den Nutzer schrittweise in die Tiefe führen:
Kontext: Einführung in das allgemeine, auf viele Städte übertragbare Stadtkonzept.
Flächenverhältnis & Verkehrslogik: Quantitative Gegenüberstellung von Verkehrs- und Aufenthaltsflächen.
Bestandteile & Merkmale: Detaillierte Betrachtung städtebaulicher Elemente (z. B. Bepflanzung, Sitzmöglichkeiten, Fahrradverkehr).
Wirkungsweise (Effekte): Konkrete Auswirkungen auf den Menschen und die Umwelt.
Für diese tieferen Ebenen wurden spezifische Daten recherchiert und visuell aufbereitet. So verdeutlicht das System beispielsweise die Problematik des aufgeheizten Stadtklimas anhand konkreter Albedo-Werte (Wärmerückstrahlungsverhalten) von Asphalt im Vergleich zu Grünflächen.
Physischer Aufbau & Interaktion
Das interaktive System bricht aus dem reinen Bildschirmformat aus und verknüpft digitale Informationsvermittlung mit einem greifbaren Raummodell. Es besteht aus einem 3D-gedruckten, abstrahierten 3x3-Häuserblock, einem Deckenbeamer und einem hochauflösenden Monitor.
Während der Beamer das Stadtbild, die Verkehrsströme und Navigations-UI passgenau auf den physischen Straßenraum zwischen die Gebäude projiziert, liefert der Monitor begleitende Detailinformationen und Infografiken. Die Steuerung erfolgt komplett über physische Hardware-Schnittstellen:
Der Wippschalter (Das Kern-Feature): Auf jeder Navigationsebene lässt sich das Superblock-Konzept jederzeit ein- und ausschalten. So entsteht ein unmittelbarer, wirkungsvoller Vorher-Nachher-Vergleich.
Kreuzungs-Buttons: Diese sind physisch genau dort im Modell platziert, wo sich die Kreuzungen befinden. Sie ermöglichen den Sprung in die Detailansicht bestimmter Knotenpunkte.
Dreh-Drückregler: Ein multifunktionales Bedienelement, mit dem Nutzer flüssig durch sieben verschiedene Kategorien und bis zu 29 vertiefende Unterthemen navigieren können.
Screengestaltung & Visuelle Aufbereitung
Ein zentrales gestalterisches Ziel war es, komplexe Datenmengen nicht überladen wirken zu lassen. Der Einstiegsbildschirm fokussiert sich daher rein auf das prägnante Flächenverhältnis: Eine leicht verständliche Querschnitt-Visualisierung zeigt eindrücklich den Wandel von 75 % verkehrsdominierter Fläche hin zu 75 % Aufenthaltsfläche.
Im iterativen Designprozess wurde die Kartendarstellung von einer realistischen Ansicht hin zu einer flächengetreuen Abstraktion in Graustufen weiterentwickelt, bei der lediglich ausgewählte Themen farblich akzentuiert werden. Die finale Farbgebung nutzt einen ruhigen, ungesättigten Verlauf von Cyan zu Magenta. Diese Entscheidung löste anfängliche visuelle Unruhen (wie sie bei kontrastreichen Orange/Blau-Kombinationen auftraten) und ermöglicht eine unaufgeregte, wertfreie Informationsvermittlung.
Systemarchitektur (End-to-End Echtzeitsteuerung)
Um ein verzögerungsfreies Zusammenspiel aus haptischer Eingabe, Projektion und Monitor zu gewährleisten, basiert das Projekt auf einer Echtzeit-Systemarchitektur. Die Hardware-Eingaben (Buttons, Schalter, Encoder) werden von einem Arduino Leonardo ausgelesen und an eine State Machine übergeben. Diese verwaltet den aktuellen Zustand der Anwendung (aus über 100 möglichen Screens) und sendet die Änderungen via WebSocket in Echtzeit an das Frontend, wodurch Beamer und Monitor simultan aktualisiert werden. Der Code für diese Architektur wurde teilweise effizient mittels KI (“Vibe Coding”) umgesetzt.
Ausblick
Die entwickelte Informationsarchitektur und der physische Aufbau sind hochgradig modular. In einer Weiterführung ließe sich das Ausstellungskonzept problemlos um zusätzliche Unterthemen ergänzen oder als Blaupause nutzen, um ähnliche nachhaltige Stadtentwicklungskonzepte anderer Metropolen interaktiv erlebbar zu machen.