Baustellen sind auf Effizienz ausgelegt. Schweiß, Dreck und Improvisation gehören zum Arbeitsalltag, hygienische Infrastruktur hingegen oft nicht.
Körperliche Grundbedürfnisse werden in temporären Arbeitsumfeldern häufig erst mitgedacht, wenn die sanitären Anlagen bereits entstanden sind. Bis dahin sind fehlende oder unhygienische Toiletten für 2,6 Millionen Beschäftigte im Baugewerbe tägliche Realität.
Mit dem steigenden Anteil von Frauen im Baugewerbe rücken diese Defizite zunehmend in den Fokus. Themen wie Menstruation machen sichtbar, was bislang oft unsichtbar blieb: Die bestehende Infrastruktur orientiert sich an einem idealisierten, belastbaren Körper und blendet alltägliche Bedürfnisse aus.
Menstruation ist dabei nicht das eigentliche Problem, sondern macht strukturelle Lücken deutlich, die letztlich alle Beschäftigten betreffen. Wer Fachkräfte gewinnen und langfristig halten möchte, muss Arbeitsbedingungen schaffen, die allen Menschen gerecht werden.
Das Projekt bewegt sich dabei entlang mehrerer Konfliktachsen: zwischen Scham und Sichtbarkeit, Pragmatismus und Sensibilisierung sowie einer tief verankerten Improvisationskultur und dem Anspruch an zeitgemäße Arbeitsbedingungen. Anstatt diese Konflikte moralisch zu verhandeln, verfolgt HYGO einen gestalterischen Ansatz: Hygiene wird nicht als Sonderlösung kommuniziert, sondern als selbstverständlicher Bestandteil der Arbeitsinfrastruktur.
Das mobile Hygienesystem kombiniert Toilette und Transportwagen in einem systainer-kompatiblen Produkt. Es lässt sich unkompliziert mitführen, transportieren und auf jeder Baustelle einsetzen. Durch diese Werkzeuglogik wird hygienische Infrastruktur zum selbstverständlichen Bestandteil des Arbeitsalltags, ohne zusätzliche Hürden oder Diskussionen.
Ein wesentlicher Bestandteil von HYGO ist das Bag-in-Bag-System, das sowohl funktionale als auch psychologische Anforderungen berücksichtigt. Ein dauerhaft eingesetzter General Bag bildet die hygienische Grundstruktur, während für jede Nutzung ein persönlicher Personal Bag eingesetzt wird. Nach der Nutzung verbleibt dieser hygienisch verschlossen im General Bag und wird erst am Ende des Arbeitstages gemeinsam mit den übrigen Beuteln entsorgt. So wird der direkte Kontakt mit gemeinsam genutzten Flächen konsequent vermieden. Die doppelte Barriere reduziert die wahrgenommene Kontamination, senkt die Ekelhemmung und stärkt das Vertrauen in die Sauberkeit des Systems. Denn eine Hygienelösung kann nur dann wirksam sein, wenn sie auch tatsächlich genutzt wird.
HYGO zeigt, wie Produktdesign dazu beitragen kann, unsichtbare Bedürfnisse sichtbar zu machen und würdevolle Hygiene in temporären Arbeitsumfeldern als Standard mitzudenken.
Als Ausblick soll HYGO zu einem ganzheitlichen Hygienesystem weiterentwickelt werden. Ergänzend zum mobilen Toilettenmodul sind eine kompakte Umhausung vorgesehen, die auf der Baustelle Privatsphäre schafft, sowie ein systemkompatibles Handwaschmodul. Gemeinsam bilden diese Elemente eine vollständige hygienische Infrastruktur für temporäre Arbeitsumfelder: mobil, robust und konsequent auf die Anforderungen des Baustellenalltags ausgerichtet.