Prof. Dr. Susanne Schade, Prof. Gabriele N. Reichert
[Selbst·bestimmt] — Service Design für präventive Notfallunterstützung
»Der Begriff Inklusion sollte längst überflüssig sein. Es sollte selbstverständlich sein, dass alle gleichberechtigt am alltäglichen Leben teilhaben können.«
(Kotte et al., 2023, S. 167)
Ausgangslage
Menschen mit Behinderungen stoßen im Alltag auf erhebliche Barrieren: eingeschränkte Notfallkommunikation, fehlender barrierefreier Wohnraum und digitale Ausgrenzung – trotz zahlreicher gesetzlicher Regelungen in Deutschland.
Kooperation und Ziel
Diese Masterarbeit leistet einen Beitrag zum Forschungsprojekt „Automatisiertes Detektions-, Melde- und Leitsystem für Rettungskräfte“ (ADLeR) vom Fraunhofer ISST, das die Sicherheit und Selbstbestimmung von Menschen mit Behinderungen in Notfällen stärkt, indem es diese automatisch erkennt und weiterleitet. Dazu wurde ein datenschutzkonformes Smart-Home-Emergency-Response-System (SHERS) entwickelt.
Die Arbeit befasst sich mit der Weiterentwicklung der „ADLeR-Klienten-App“, einer Benutzerschnittstelle zur Datenerfassung, und liefert für das ADLeR-Projekt einen konkreten Gestaltungsansatz sowie ein perspektivisches Servicekonzept.
Was ist isi?
isi ist ein Service-Design-Konzept für ein barrierefreies und inklusives Smart-Home-System. Es vernetzt Geräte miteinander und unterstützt Menschen mit Behinderungen im Alltag. Der Schwerpunkt liegt auf präventiver Notfallunterstützung und der automatischen Alarmierung von Rettungskräften, Ersthelfer:innen und Notfallkontakten. Ein zentrales Prinzip ist, dass alle Bestandteile des Services und sämtliche Touchpoints konsequent barrierefrei gestaltet sind, sodass niemand ausgeschlossen wird.
Im Zentrum des Systems stehen eine App und ein Home Hub. Sie ermöglichen die Dateneingabe, die datenschutzkonforme Speicherung und die gezielte Weitergabe relevanter Informationen im Notfall an die jeweils zuständigen Personengruppen. Zum weiteren Leistungsumfang gehören eine Webseite zur Informationsbeschaffung, zielgruppenspezifisch zusammengestellte Kits und ein Kompatibilitätssiegel. Den Output für Notfallkontakte, Überlegungen zur Installation des Systems und verschiedene Ansätze zur Kompetenzvermittlung runden das Konzept ab.
Systembestandteile
isi-App
Die App ist die zentrale Benutzerschnittstelle zwischen dem System und den Nutzer:innen. Sie dient primär dazu, einen Überblick über die Wohnung und die darin verbauten Smart-Home-Geräte zu behalten. Eine Unterfunktion der App ist der digitale Notfallpass, über den persönliche und gesundheitliche Daten erfasst und festgelegt werden.
Kits
Die Kits sind vorgefertigte Pakete, bestehend aus dem Home Hub und passenden Smart-Home-Geräten, die einen einfachen Einstieg in das isi-System ermöglichen.
Anleitung
Die Anleitung im Kit, in leichter Sprache, mit Illustrationen, Video (Untertitel und Gebärdensprache) sowie Brailleschrift, führt Schritt für Schritt durch den Einrichtungsprozess der Geräte, verweist bei Bedarf per QR-Code auf zusätzliche Unterstützung und leitet anschließend zu einem digitalen Onboarding über.
isi-Dashboard
Das Dashboard richtet sich an Fachkräfte und Mitarbeiter:innen von Einrichtungen, wie der Lebenshilfe und bietet einen Überblick über das Wohlergehen der betreuten Personen sowie den Status des isi-Systems.
SMS-Benachrichtigung
Die SMS-Benachrichtigung informiert hinterlegte Notfallkontakte über Notfälle oder Auffälligkeiten.
Weitere Bestandteile
Eine Smartwatch erfasst als Teil der Kits Parameter wie Herzereignisse oder Stürze und meldet diese über visuelles Feedback sowie Vibration direkt an die Nutzer:innen zurück. Für Einstieg und Orientierung sorgt eine Webseite, die allen Zielgruppen eine einfache Informationsbeschaffung ermöglicht. Das isi-Siegel kennzeichnet externe Smart-Home-Geräte als kompatibel mit dem isi-System und erleichtert so die Auswahl zusätzlicher Geräte. Die Installation kann flexibel erfolgen: eigenständig oder als externer Service. Abgerundet wird das Konzept durch Angebote zur Kompetenzvermittlung, die in digitalen wie analogen Formaten Wissen zu Notfällen, Smart-Home-Systemen und Technologie vermitteln und so langfristig zu mehr Sicherheit und Selbstbestimmung im Alltag beitragen.
Forschungsansatz
isi entstand auf Basis von human-centered, inklusivem und partizipativem Design sowie barrierefreier Gestaltung. Zentraler Input kam von Bewohner:innen einer Wohngemeinschaft in Dortmund, die in Interviews und Usability-Tests aktiv an der Gestaltung mitgewirkt haben.