In der Bachelor-Arbeit im 7. Semester bearbeiten die Studierenden anhand eines frei wählbaren Themas ein Gestaltungsprojekt, in dem sie ihre erlernten Kenntnisse in Recherche, Konzept und Entwurf praktisch anwenden.
KNITS - Materialisierte Strickstrukturen im Produktdesign
Die Arbeit untersucht Strick als flexible Materialstruktur und zeigt in drei Produktkonzepten, wie Maschen Verpackung, Erste Hilfe und Wärmefunktion neu denken können.
Strick ist mehr als ein weiches Textil. Diese Bachelorarbeit untersucht Strick als gestaltbare Materialstruktur für das Produktdesign. Im Mittelpunkt steht die Masche. Sie bildet die kleinste Einheit eines Gestricks und bestimmt, wie sich ein Material dehnt, verdichtet, öffnet oder stabilisiert. Dadurch entsteht ein Material, das nicht nur eine Oberfläche bildet, sondern aktiv auf Nutzung, Bewegung und Belastung reagiert.
Die zentrale Fragestellung ist, welche Produkte entstehen, wenn Strick nicht nur als Stoff, sondern als Bauprinzip verstanden wird. Dafür wurden unterschiedliche Garne, Maschenarten, Dichten und Beschichtungen getestet. Die Materialexperimente zeigen, wie stark sich Strick durch kleine Änderungen verändert. Baumwolle verhält sich anders als Leinen, Merinowolle, Papier, Edelstahl oder Alginat. Offene Maschen sparen Material und lassen Luft durch. Dichte Bereiche geben Halt. Beschichtungen können textile Flächen versteifen. Ein durchgehender Faden kann sogar wieder aufgezogen werden.
Aus diesen Erkenntnissen entstand ein Entscheidungswerkzeug für die Gestaltung. Es ordnet Eigenschaften wie Elastizität, Anpassungsfähigkeit, Atmungsaktivität, Stabilisierung, Polsterung und Reversibilität. Daraus wurden drei Produktkonzepte entwickelt.
Das erste Konzept ist eine biologisch abbaubare Obst- und Gemüseverpackung aus gestricktem Alginat. Sie nutzt eine offene Netzstruktur, passt sich unterschiedlichen Formen an und spart Material. Die Verpackung schützt und belüftet Lebensmittel. Nach der Nutzung kann sie im besten Fall kompostiert oder wieder als Faden gedacht werden. So wird Verpackung zu einem temporären Zustand des Materials.
Das zweite Konzept ist eine Outdoor-Notfallschiene, die im Alltag als Schlauchschal getragen wird. Bei einer Verletzung kann dieselbe textile Struktur gewickelt, gespannt und mit Ästen, Wanderstöcken oder Zeltheringen versteift werden. Das Produkt ersetzt keine medizinische Schiene. Es soll aber helfen, eine verletzte Körperstelle vorübergehend zu unterstützen, bis professionelle Hilfe eintrifft.
Das dritte Konzept ist ein thermisch leitendes Strickshirt. Es zeigt, wie Wärmefunktion direkt in ein körpernahes Textil integriert werden kann. Dichte Strickzonen speichern Wärme, offene Zonen lassen Luft an den Körper, elastische Bereiche sorgen für Sitz und Beweglichkeit. Das Shirt richtet sich an Menschen mit wiederkehrenden Rücken-, Nacken- oder Periodenschmerzen und denkt Wärme als waschbares, tragbares Alltagssystem.
Die drei Produkte sind keine fertige Produktserie. Sie sind Design-Research-Demonstratoren. Gemeinsam zeigen sie, wie vielseitig Strick im Produktdesign eingesetzt werden kann: als reversible Verpackung, als adaptives Hilfsmittel und als funktionales Kleidungsstück. Die Arbeit macht sichtbar, dass Materialeigenschaften nicht erst nachträglich hinzugefügt werden müssen. Sie können direkt aus Masche, Faden, Dichte und Struktur entstehen.