In der Bachelor-Arbeit im 7. Semester bearbeiten die Studierenden anhand eines frei wählbaren Themas ein Gestaltungsprojekt, in dem sie ihre erlernten Kenntnisse in Recherche, Konzept und Entwurf praktisch anwenden.
Prof. Gabriele N. Reichert, Prof. Michael Schuster
Bo - Mensch Roboter Interaktion
In den kommenden Jahren werden Roboter immer stärker Teil unseres Alltags: in der Pflege, an der Seite von Arbeiter:innen, im öffentlichen Raum und in privaten Haushalten. Der Bedarf ist real: Unsere Gesellschaft altert, Arbeitskräfte fehlen, und viele Tätigkeiten sind für Menschen schlicht zu gefährlich. Zugleich verändert sich die Art der Begegnung grundlegend: Roboter arbeiten nicht mehr hinter Schutzzäunen, sondern teilen unsere Arbeits-, Lern- und Lebensräume ganz unmittelbar.
Bo beim Laden.
Bislang wird die Entwicklung von Robotern vor allem von einer Ingenieursperspektive bestimmt: Was ist technisch möglich?Wir stellen die Frage anders: Was brauchen wir wirklich, damit die Interaktion zwischen Mensch und Roboter intuitiv funktioniert?* Denn erst dann kann ihr Potenzial wirklich aufleben.
Ein zentraler Teil der Antwort liegt in der nonverbalen Kommunikation. Heutige Roboter verlassen sich fast ausschließlich auf verbale Signale: Sie sprechen, zeigen Text, blenden Menüs auf Displays ein, allesamt Signale, die man erst erlernen muss. Nonverbale Signale dagegen, also Form, Haltung, Bewegung und Blick, lesen wir intuitiv. Sie bilden reale Zusammenhänge direkt ab und funktionieren deshalb überall: ohne Erklärung und ohne gemeinsame Sprache, so wie sich auch Mensch und Tier ganz ohne Worte verstehen. Zugleich lassen sie ein Gegenüber lebendig und sozial präsent wirken. Gerade für die Millionen Menschen, die einem Roboter zum ersten Mal begegnen werden, sind sie der Schlüssel.
Bo’s Hand.
Genau dem gehen wir in unserer Arbeit gestalterisch nach: Wie eröffnen Form, Bewegung und gezielt gestaltete Elemente neue Wege der Kommunikation? Und wo liegt der Sweet Spot zwischen den Morphologien: vertraut genug, um einzuladen, und eigenständig genug, um keine Erwartungen zu wecken, die ein Roboter nicht halten kann?
Bo’s Aktuatoren.
Im Zentrum steht dabei Vertrauen, und zwar im richtigen Maß: genau so viel, wie der Roboter verdient. Wir nennen das kalibriertes Vertrauen. Es baut auf drei Grundpfeilern auf: SAFETY (Sicherheit), damit man sich in der Nähe des Roboters sicher fühlt; LEGIBILITY (Verständlichkeit), damit man jederzeit ablesen kann, was er tut und vorhat; und AFFINITY (Verbundenheit), damit man ihm überhaupt begegnen mag. Aus diesen Pfeilern leiten wir 12 konkrete Gestaltungsregeln ab.
Damit all das nicht abstrakt bleibt, haben wir einen eigenen Roboter gestaltet: Bo. In ihm werden unsere Regeln erlebbar, von der Antenne, über die man ihn jederzeit kontrolliert anhalten kann, bis zur Hand mit bewusst drei statt fünf Fingern. Am deutlichsten zeigt sich unser Ansatz an den Ohren: Abgeleitet aus Tierwelt und Animation, sind sie ein gezielt gestaltetes Element, das nonverbal kommuniziert. Sie drücken ein breites Spektrum an Emotionen und Zuständen aus und verstärken als Secondary Action andere Aktionen, sodass Bos Absichten eindeutig werden.
Das macht ihn lesbar und vorhersagbar, und damit sicherer; es lässt ihn lebendig wirken, und damit interaktionswürdig. So zeigen die Ohren im Kleinen, worum es uns im Großen geht: wie durchdachte Gestaltung die Kommunikation zwischen Mensch und Roboter auf ein neues Level hebt und Interaktion sicherer, verständlicher und zugänglicher macht.
Key Visual.
Mehr zu Prozess, Ideen und dem gesamten Projekt gibt es in unserer Dokumentation zu lesen →