In der Bachelor-Arbeit im 7. Semester bearbeiten die Studierenden anhand eines frei wählbaren Themas ein Gestaltungsprojekt, in dem sie ihre erlernten Kenntnisse in Recherche, Konzept und Entwurf praktisch anwenden.
Gesehen, nicht gelesen – Arabische Schrift im deutschen Kontext zwischen Form, Wahrnehmung und Fremdheit
Problemstellung
Arabische Schrift wird in Deutschland häufig nicht zuerst als lesbarer Inhalt wahrgenommen, sondern als visuelles Zeichen. Noch bevor die Bedeutung eines Textes bekannt ist, entstehen Assoziationen und Bewertungen. Die Schrift kann fremd, dekorativ, religiös oder sogar bedrohlich wirken unabhängig davon, was tatsächlich geschrieben steht.
„Gesehen, nicht gelesen“ untersucht diesen Moment zwischen Sehen und Verstehen. Das Projekt geht der Frage nach, wie solche Wahrnehmungen entstehen und welchen Einfluss formale Merkmale, mediale Bilder und kulturelle Prägungen darauf haben. Dabei wird arabische Schrift nicht ausschließlich als Sprachsystem betrachtet, sondern als visuelle Form, Rhythmus, Muster und Projektionsfläche.
Konzept
Das Kernstück des Projekts ist eine Publikation, die arabische Schrift durch eine Reihe visueller Experimente erfahrbar macht. Statt eine bestimmte Interpretation vorzugeben, lädt sie die Leser:innen dazu ein, die eigene Wahrnehmung zu beobachten und zu hinterfragen.
Die Publikation gliedert sich in drei Bereiche: Formwahrnehmung, bildhafte Wahrnehmung und kulturell geprägte Wahrnehmung. Buchstaben werden zerlegt, neu angeordnet, gespiegelt, vergrößert oder zu Mustern zusammengesetzt. Experimente mit Pseudo-Arabic zeigen außerdem, wie schnell bereits einzelne formale Merkmale ausreichen, damit etwas als arabische Schrift eingeordnet wird.
Auf erklärenden Seiten werden die Beobachtungen anschließend gestalterisch, psychologisch und semiotisch eingeordnet. Dadurch entsteht ein Wechsel zwischen unmittelbarer Wahrnehmung und anschließender Reflexion. Ein eingelegter Informationsflyer stellt den gesellschaftlichen Zusammenhang her und verdeutlicht, wie Vorwissen, mediale Darstellungen und wiederkehrende Bildwelten die Wahrnehmung arabischer Schrift beeinflussen können.
Ergänzt wird die Publikation durch Poster, Postkarten, Sticker und einen Jutebeutel. Die visuellen Experimente verlassen dadurch das Buch, werden im öffentlichen Raum sichtbar und dienen als Gesprächsimpulse.
Gestaltung
Die Gestaltung verbindet ein zurückhaltendes Grundlayout mit einer vielfältigen und experimentellen Bildsprache. Das ruhige redaktionelle System gibt Orientierung, während die einzelnen Experimente bewusst mit Form, Leserichtung, Rhythmus, Wiederholung und Irritation arbeiten.
Eine breite Farbpalette schafft unterschiedliche emotionale Zugänge und löst die arabische Schrift aus stereotypen Farbwelten wie Rot und Schwarz. Statt Bedrohlichkeit zu reproduzieren, entstehen offene, spielerische und teilweise ungewohnte Wahrnehmungsräume.
Deutsche und arabische Texte werden gestalterisch gleichwertig behandelt. Arabische Buchstaben erscheinen dabei nicht nur als Träger von Sprache, sondern auch als Linien, Bögen, Punkte und bewegte Formen. Die Fadenheftung mit offenem Rücken sowie eine aufklappbare Klappe machen den experimentellen und prozesshaften Charakter der Publikation auch materiell sichtbar.
„Gesehen, nicht gelesen“ fordert nicht dazu auf, arabische Schrift unmittelbar verstehen zu müssen. Das Projekt lädt vielmehr dazu ein, einen Schritt früher anzusetzen: bei der Frage, was wir bereits wahrnehmen und entscheiden, bevor wir überhaupt zu lesen beginnen.