In der Bachelor-Arbeit im 7. Semester bearbeiten die Studierenden anhand eines frei wählbaren Themas ein Gestaltungsprojekt, in dem sie ihre erlernten Kenntnisse in Recherche, Konzept und Entwurf praktisch anwenden.
Das Projekt untersucht, an welcher Stelle eine Gestaltung von „passend” über „spannend” zu „nicht passend” kippt, und macht diesen Übergang lesbar.
Kontext und Konnotationsschichten
Ausgangspunkt für dafür ist das Zusammenspiel von Kontext und Konnotationsschichten. Eine Konnotationsschicht ist eine kulturell-historisch kodierte Bedeutung, die aus wiederholtem Gebrauch entsteht. Eine Form trägt mehrere solcher Schichten latent in sich; erst der Kontext ruft die einschlägige hervor. Eine Schrift ist zunächst nur eine Form, auf einem Craft-Beer-Etikett oder einer Werbetafel wird sie zur Aussage.
Spannungsfenster
Diesen Raum beschreibt das Naht-Modell. Über einer Skala von passend über spannend zu nicht passend liegen drei Fenster: das Akzeptanzfenster über dem Passenden, das Bruchfenster über dem Nicht-Passenden und dazwischen, an der Naht, das schmale Spannungsfenster. Das Spannungsfenster ist der Zielbereich: sichtbar, ohne den Kontext zu verlieren. Hier liegen Wert und Risiko zugleich.
Gesamtheitlichkeit
Die Zielgruppe sind Gestalter:innen am Berufsanfang. Ihr Schmerzpunkt ist nicht das Scheitern, sondern die fehlende Spannung: eine Arbeit, die funktioniert und trotzdem niemanden erreicht. Das Toolset des Projekts steuert diesen Bereich gezielt an, nach dem Prinzip ausprobieren statt ausrechnen.
Ablauf BookletBooklet
Das Endprodukt ist ein Editorial im Kleinformat, ein schmales Booklet mit Karten-Set, ergänzt durch eine digitale Schnittstelle und eine Prozessdokumentation. Es versteht sich als Werkzeug, nicht als Lektüre.
Overton-Window
Erstens überträgt das Naht-Modell die Logik des Overton-Windows von der Diskursanalyse auf die visuelle Wahrnehmung. Der Kipppunkt zwischen passend, spannend und nicht passend wird damit nicht nur beschrieben, sondern als Fensterlage lesbar und ansteuerbar.
Experimentreihe (Testing Toolset)
Zweitens macht das Toolset diesen Zielbereich praktisch zugänglich. Es rechnet Wirkung nicht aus, sondern lässt sie ausprobieren: setzen, lesen, treiben, bis ein Entwurf bewusst im Spannungsfenster sitzt.
Ablauf ToolsetKarten Toolset
Drittens bekommt die KI im Prozess eine eng umrissene Rolle. Sie ist Rechercheurin, nicht Klassifiziererin: Sie legt offen, wo und wofür eine Schrift historisch verwendet wurde, sie bewertet nie, wie eine Schrift wirkt. Das setzt der Homogenisierung durch generative Werkzeuge eine bewusste Grenze.