In der Bachelor-Arbeit im 7. Semester bearbeiten die Studierenden anhand eines frei wählbaren Themas ein Gestaltungsprojekt, in dem sie ihre erlernten Kenntnisse in Recherche, Konzept und Entwurf praktisch anwenden.
Temporäre Orientierung für den öffentlichen Personenverkehr
Die Infrastruktur des öffentlichen Personenverkehrs in Deutschland steht vor einem „Jahrzehnt des Bauens“ mit massiven Sanierungsmaßnahmen und über 26.000 Baustellen allein im Jahr 2025. Dies führt zu einem drastischen Anstieg von planbaren und spontanen Schienenersatzverkehren (SEV). Aktuelle provisorische Leitsysteme weisen hier gravierende Mängel auf: Informationsbrüche, mangelhafte Barrierefreiheit (wie flatternde Plastikbänder, die für blinde Menschen nicht ertastbar sind) und visuelles Chaos führen bei den Fahrgästen zu Orientierungslosigkeit, Stress und einer Abwanderung vom ÖPNV.
Dieses Projekt konzipiert ein ganzheitliches, nutzerzentriertes und temporäres Orientierungssystem, das direkt an den Verkehrsstationen ansetzt. Das gestalterische und konzeptionelle Fundament bildet das Leitbild des Universal Designs. Ziel ist es, den strukturellen Graben („Misfit“) zwischen individuellen menschlichen Fähigkeiten und der komplexen gebauten Umwelt proaktiv aufzuheben. Anstatt stigmatisierende Sonderlösungen für Menschen mit Behinderungen zu schaffen, wird Inklusion als integrale Bedingung der Systemarchitektur verankert, die allen Fahrgästen zugutekommt.
Multisensorische Navigation durch das Drei-Sinne-Prinzip
Um die immense kognitive Belastung und Reizüberflutung in der hochdynamischen Stresssituation eines Ersatzverkehrs signifikant zu senken, erweitert das System das herkömmliche Zwei-Sinne-Prinzip zu einer multisensorischen Redundanz. Informationen werden systematisch überlagert und auf drei Ebenen kommuniziert.
Visuelle Ebene
Die Gestaltung basiert auf einem modularen Gestaltungsraster, das aus dem Duodezimalsystem (12er-System) abgeleitet wurde, um sowohl in der Fläche als auch im Raum maximale Flexibilität zu bieten. Als Leitfarbe fungiert ein starkes „Ersatzverkehr Orange“, das sich deutlich vom urbanen Raum abhebt. Eine mathematisch und qualitativ validierte Kontrastgestaltung und die für die Raumwirkung optimierte Typografie „Riforma“ sorgen für beste Lesbarkeit. Hinzu kommen stark vereinfachte Piktogramme, die als schnelle kognitive Surrogate Sprachbarrieren überwinden.
Taktile Ebene
Auf komplexe, tastbare Lagepläne wird bewusst verzichtet, da diese während des dynamischen Umsteigens kognitiv überfordern. Stattdessen erfolgt die Führung über präzise Handlaufindikatoren und durchgehende Bodenindikatoren. Diese nutzen einen innovativen Materialrhythmus aus Metall und Gummi, der sich haptisch und beim Tasten mit dem Langstock auch akustisch von gewohnten Bodenstrukturen abhebt.
Akustische Ebene
Das System moderiert das auditive Chaos im öffentlichen Raum durch eine modulare Audiosyntax. Ein kontinuierliches, dezent wahrnehmbares Richtungsgeräusch (der „Baselayer“) lotst die Fahrgäste analog wie ein unsichtbarer Faden zum Ziel. Spezifische Klänge, wie auf- und absteigende Arpeggios oder Slides, kodieren rechtzeitig architektonische Barrieren wie Treppen oder Aufzüge. So funktioniert die Navigation verlässlich und gänzlich ohne fehleranfällige digitale Endgeräte.
Systematik der Wegfindung
Um den Orientierungsverlust abzufangen, dekonstruiert die Arbeit die komplexe Wegfindung in fünf elementare Navigationskomponenten: die Markierung der aktuellen Position (Referenzpunkt), die Zielrichtung (Pfeilsystem), den Zielzustand (Ersatzverkehr), das Zielobjekt (konkretes Verkehrsmittel) und die Wegestruktur (Barrieregrad).
Flankiert wird dieses Design durch eine detaillierte Analyse der städtebaulichen Laufraumqualität. Das hieraus resultierende Systemangebot bietet eine kohärente und robuste Wegführung für eine maximal heterogene Fahrgastmenge und leistet einen entscheidenden Beitrag zur Sicherung des Grundrechts auf selbstbestimmte, diskriminierungsfreie Mobilität im infrastrukturellen Ausnahmezustand.